Bei Seminaren, Trainings oder Workshops beobachten wir oft andere Teams bei der Arbeit. Man sieht einen hochfokussierten Hund, der sich von nichts ablenken lässt, und ein Team, das scheinbar mühelos den Trail bis zum Fund ausarbeitet. Was dabei leicht in Vergessenheit gerät: Solche Bilder sind das Ergebnis unzähliger Trainingsstunden – und oft auch realer Einsätze, die Mensch und Hund über Jahre hinweg geformt haben.
Dennoch verfällt man schnell in die Versuchung, genau diese Arbeitsweise kopieren zu wollen. Doch was bei einem Team perfekt funktioniert, kann bei einem anderen zu Leistungseinbrüchen führen. Häufig wird dann sogar noch intensiver versucht, die Methode zu imitieren: Wie hält der Hundeführer die Leine? Welches Geschirr trägt der Hund? In welchen Momenten wird wie kommuniziert?
Doch das reine Kopieren eines Stils bringt selten die gewünschten Ergebnisse.
 
Ein Leitsatz, der mich in der Arbeit mit meinen eigenen Hunden immer begleitet hat, lautet:
„Schau, was bei anderen funktioniert – und entscheide dann bewusst, ob es zu meinem Hund passt.“
 
Ich erinnere mich an einen hervorragenden Bloodhound-Polizeihundeführer in den USA. Es war beeindruckend, ihm und seiner Hündin Bella zuzusehen. Sie arbeiteten an einer relativ kurzen Leine von etwa 3–4 Metern, in einem zügigen, flüssigen Tempo – konzentriert, triebvoll und harmonisch. Bella korrigierte sich meistens schnell selbst, ohne dass der Hundeführer eingreifen musste. Von außen wirkte es fast so, als würde er nur hinterherlaufen, doch in Wahrheit war es eine fein abgestimmtes Teamarbeit der Beiden.
Es wäre leicht gewesen, diese Arbeitsweise einfach zu kopieren. Doch für mich und meinen Hund hätte diese Arbeitsweise nicht funktioniert.
Meine Hündin brauchte und liebte den größeren Radius einer 5–10-Meter-Leine. Sie nutzte diesen Raum, um Abgänge und Kreuzungen sicher zu prüfen und sich weitgehend selbst zu korrigieren. Wenn nötig, konnte ich die Leine kürzer nehmen sogar bis auf 1-2m  – aber ihre Arbeitsfreude, Motivation und Leistungsfähigkeit waren mit mehr Freiraum deutlich höher. 
Und ganz ehrlich: Für uns beide war es körperlich angenehmer, wenn ich nicht permanent „am Heck“ des Hundes klebte. Sie wollte schließlich immer vor mir am Ziel sein – Streicheleinheiten und Leckerchen gibt es schließlich für den, der zuerst ankommt.
 
Nur weil ein Team ein beeindruckendes Bild abliefert, lässt sich diese Arbeitsweise nicht automatisch auf jeden Hund und Hundeführer übertragen.
Denn:
  • Manche Hundeführer kommen mit einer 10-Meter-Leine überhaupt nicht zurecht.
  • Manche Hunde laufen mit einem bestimmten Geschirr deutlich besser als mit einem anderen.
  • Einige Hunde können klare, auch strengere Korrekturen gut verarbeiten – andere brechen dabei ein.
  • Manche Hunde ist durchgehendes oder zu viel Gerede ihrer Hundeführer egal – andere werden durch zu viel „Gequatsche“ sofort aus der Arbeit gerissen.
Es gibt kein Schema F – weder in Unterordnung noch in Fährte, Flächensuche oder Mantrailing. Ein Trainingsstil lässt sich nicht 1:1 kopieren, weil Hund und Mensch immer einzigartige Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Voraussetzungen sind. Jedes Team ist individuell, sollte so trainiert und ausgebildet werden.

Bevor ihr etwas übernehmt, das ihr bei einem anderen Team gesehen habt, stellt euch ehrlich die Frage:
„Ist diese Arbeitsweise für uns als Team – und insbesondere für meinen Hund – wirklich sinnvoll?“

Wenn die Antwort Ja lautet: ausprobieren!
Doch scheut euch nicht, eine Methode wieder zu verwerfen, wenn sie mittel- oder langfristig bei euch nicht funktioniert. Was allerdings nicht bedeutet, alle 4 Wochen immer wieder etwas neues auszuprobieren. In der IT gibt es eine zutreffende Redewendung "Don't touch a running system" - Fasse nichts an, dass funktioniert.

Wenn ihr Zweifel habt, ob diese Arbeitsweise für euch funktioniert, bleibt bei eurem bisherigen System – oder holt euch Rat bei einem professionellen Ausbilder.

In unseren Seminaren bitten wir euch manchmal, euch auf unsere Arbeitsweise einzulassen. Dabei verfolgen wir jedoch nicht das Ziel, funktionierende Bestandteile eures aktuellen Systems zu verändern – was bei euch gut läuft, soll selbstverständlich bestehen bleiben. Unser Anliegen ist es vielmehr, eure bestehende Arbeitsweise zu optimieren und eventuelle Fehler gemeinsam zu erkennen und Wege aufzuzeigen, wie man diese korrigieren kann. 
Um nachvollziehbar zu machen, was wir damit meinen, zeigen wir euch bestimmte Aspekte oft anhand anderer arbeitender Teams. So bekommt ihr ein klares Bild davon, welche Entwicklungsschritte wir uns für euch vorstellen und wie eure zukünftige Arbeit als Team mit eurem Hund aussehen kann.
Trotz aller Hinweise, Tipps und Anregungen gilt jedoch eines: Die Umsetzung und die damit verbundene Fleißarbeit liegen bei euch. Kein Trainer kann euch diese Schritte abnehmen – sie entscheiden letztlich über euren Fortschritt als Team.